Thadeusz
Gespräch
Er ist noch ein Kind, als die Nazis ihn töten wollen. Er ist Jude. Doch Michael Degen überlebt – im Berliner Untergrund, gemeinsam mit seiner Mutter, versteckt in einem halben Dutzend Wohnungen, auf einer Hühnerfarm, in Schrebergartenkolonien, am Ende befreit von der Roten Armee. So dramatisch sein Leben ist, so mitreißend und persönlich vermag Michael Degen, 75, davon zu erzählen. Seine Biografie "Nicht alle waren Mörder" war ein Beststeller. Nun ist die Fortsetzung erschienen. In "Mein heiliges Land" zeichnet er dabei nicht nur ein lebendiges, bewegendes Bild der Gründungsjahre Israels, sondern auch der Nachkriegszeit in Deutschland. Ganz auf sich selbst gestellt, betritt er als 17-Jähriger ein Land voller blühender Zitrushaine, ein Land im Aufbruch, in das von überall her Menschen strömen – und muss all seinen Mut und seine Kraft aufbringen, um sich in dieser fremden Heimat durchzuschlagen: Er weigert sich, in der Armee zu dienen, und tritt in den Hungerstreik. Er lernt Hebräisch. Vor allem aber setzt er alles daran, die Überlebenden seiner Familie aufzuspüren, seinen fast hundertjährigen Großonkel etwa, dessen Lebensklugheit und sprühender Witz ihn faszinieren. Und schließlich stößt er auf eine Spur, die zu seinem Bruder führt ... Wo das Buch endet, beginnt seine Biografie als Künstler. Degen bleibt nicht in Israel, ihn zieht es zurück in die Stadt seiner Kindheit – nach Berlin. Er macht Karriere am Theater. Hier kann er alle Extreme durchleben. Und Degen wird auf der Bühne gefeiert. Brecht holt ihn ans Berliner Ensemble, und die FAZ macht ihn schließlich zum legitimen Erben von Gustaf Gründgens. Deutschlandweit bekannt aber wird er ausgerechnet mit seichter Unterhaltung. In den "Drombuschs" begeistert er in den 80er Jahren Millionen von Fernsehzuschauern. Längst ist sein Gesicht auch dem theaterfernen Publikum wohl vertraut – nicht zuletzt durch seine Paraderolle als Patta, dem eitlen Chef von Commissario Brunetti in der ZDF-Krimi-Reihe "Donna Leon". Degen ist mittlerweile einer der erfolgreichsten und beliebtesten Schauspieler in diesem Land. Doch das Gefühl, "nicht richtig dazuzugehören, minderwertig zu sein", das ist er lange nicht losgeworden. "Normalerweise sagt man einem Kind: Wenn du lügst, ist das schlimm, du musst immer die Wahrheit sagen. Bei mir war es umgekehrt. Mir ist drei Jahre lang gesagt worden: Nur wenn du lügst, kannst du überleben. Wenn du die Wahrheit sagst, kannst du dafür sterben." Deutschland ist ihm nie Heimat geworden – so wenig wie jedes andere Land. Immerhin sicher fühlte er sich lange Jahre hier. Doch auch dieses Gefühl ist nun gewichen. "Ich habe Angst", hat er unlängst bekannt und eingestanden: "Wenn ich jünger wäre, würde ich mich sehr ernsthaft mit dem Gedanken befassen, das Land zu verlassen. Weil ich kein Vertrauen mehr zur Regierung habe." Bei THADEUSZ erzählte Michael Degen, wie er seinen Bruder wieder fand, wie er ohne Waffen die israelische Armee besiegte und warum ausgerechnet Wodka ihm das Leben rettete.
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